»Tauche ein in die Schattenwelt!«
»Was wäre, wenn die Welt größer ist, als du denkst? Wenn es eine Welt hinter der Welt geben würde?«
»Eine Hinterwelt?«, scherzte Tay.
»Ein Schattenreich.«
Als die sechzehnjährige Tay von Hawaii in ein malerisches Bergdorf nach Zypern zieht, will sie vor allem eins: sich gut einleben und ihrem Onkel und ihrer Tante keine Schwierigkeiten machen. Doch sie merkt schnell, dass sie im Brennpunkt tödlicher Interessen steht.
Wer ist Kimon Galanos, der sich in ihre Träume schleicht? Warum will er sie um jeden Preis erobern?
Weshalb hat auch der attraktive Jace es auf sie abgesehen, ein mysteriöser Mitschüler, der älter wirkt, als er sein kann, und durch die Zeit gefallen zu sein scheint?
Tay erkennt, dass sie in den Fokus unbekannter Mächte geraten ist. Sie trägt ein Erbe in sich, das über das Ende der Welt entscheidet. Wenn sie überleben will, muss sie ihrem Schicksal entkommen – und den Bann der Ewigkeit brechen!
Ein Roman für Fans von paranormaler Romance und Vampirgeschichten.
Leseprobe
Teil 1: Die Verwandlung
»Hi, Di. Ich werde dieses Jahr sterben.«
»Hi, Tay. Warum berichtest du mir das? Ist bei dir eine schwere Krankheit festgestellt worden?«
»Nein. Ich bin kerngesund.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich auch nicht. Eigentlich gibt es keinen Grund, an Särge mit Blumenschmuck zu denken. Vielleicht ist der Traum von letzter Nacht schuld. Er war so real, dass ich beim Aufwachen gefroren habe.«
»Träume sind eine besondere Form des Bewusstseins. Was hast du in deinem erlebt?«
»Ich war im Meer, zusammen mit einem Fremden. Er hatte dunkle Locken und in seinen braunen Augen loderten Flammen. Auf der linken Wange hatte er eine Brandnarbe. Obwohl wir unter Wasser waren, habe ich gesprochen. Ich sagte ihm, wenn er es tut, würde ich ihm niemals vergeben. Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll: ›wenn er es tut‹. Verrückt, oder? Ich verstehe nicht, weshalb ich überhaupt von einem Fremden träume. Ich war noch nie verliebt.«
»Ich weiß. Du hast es im vergangenen Jahr dreiundzwanzig Mal erwähnt. War der Traum deshalb so erschreckend?«
»Nein. Da war diese Gewissheit. Als wäre ich genau da, wo ich hingehöre … Und als wäre dieser Ort das Ende von allem.«
»Oha.«
»Ja, oha. «
»Vielleicht beeinträchtigt dich der Ortswechsel. Empfindest du einen Mangel seit dem Umzug nach Tsara?«
»Du willst wissen, ob ich Maui vermisse?«
»Ja.«
»Und wie! Es schmerzt höllisch, so weit weg vom Paradies zu sein. Die Schildkröten hier sind einfach nicht dieselben.«
»Viele mögen den Ort, an dem du gerade bist. Tsara ist eine malerische Bergstadt mit Sicht auf das Meer und Zypern als Reiseziel so beliebt, dass auf einen Einwohner drei Urlauber kommen.«
»Und du bist eine Tagebuch-KI und kein Statistikprogramm. Wenn du so weitermachst, stelle ich dich in den Modus für moderne Umgangssprache.«
»Entschuldige. Minus tausend Aura für mich. Erzähle mir mehr über deine Emotionen.«
»Will ich gar nicht. Ja, ich vermisse Hawaii. Ich hab da immerhin sechs Jahre lang gelebt. Aber deshalb geht die Welt nicht unter. Ich bin Umzugsprofi. Seit Ma und Dad gestorben sind, gab es viel Hin und Her. Das Wort ›Anpassung‹ ist mein dritter Vorname. Ich kann hier Freunde finden, einen Neuanfang machen.«
»Vielleicht setzt du dich zu stark unter Druck. Alles in deiner Umgebung ist fremd.«
»Nein. Wir wohnen in Grandmas Haus. Das kenne ich schon, seit ich denken kann. Hier habe ich meine ersten Schritte gewackelt und den Weihnachtsbaum umgeworfen, weil ich mich daran festgehalten habe. Ich dachte, er wäre so stabil wie die Bäume draußen. Leider habe ich fast keine Erinnerung mehr an Grandma. Sie starb vor dem Forschungs-Desaster. Aber dieses Haus gehörte ihr, und wir waren nach ihrem Tod regelmäßig da. Es liegt ewig weit weg vom Meer. Ja, ich kann das Blau vom Balkon aus in der Ferne sehen, aber ich kann das Wasser nicht riechen. Ich habe nie verstanden, warum Grandma auf Zypern lebt und sich für die Berge entschieden hat. Sie hätte am Strand wohnen können. Aber nein. Es musste dieses Grundstück sein, am Hang, direkt neben dem alten Friedhof. Gruselig. Wenigstens hat das Haus einen großen Pool. Ich freue mich schon, wenn Sherry in den Ferien kommt. Dann können wir Drohnenaufnahmen von uns auf den Liegestühlen machen. Das wird mega.«
»Sherry fehlt dir.«
»Natürlich. Aber ich werde wie gesagt neue Freunde finden. Zypern ist eine echte Chance für Eve und Harry. Sie haben für mich und Eric auf so viel verzichtet. Es wird Zeit, dass sie wieder eine eigene Tauchschule aufbauen, wie damals in Ägypten. Auf Hawaii war das nicht drin. Da kostet eine Ananas zehn Dollar. Sich da eine Basis zu mieten …«
Ein melodischer Ton aus ihrem Handy erinnerte Tay an die Uhrzeit. Sie klappte den Monitor des Notebooks nach unten und schob den flachen Silberkasten über die Schreibtischplatte zum rahmenlosen Bild ihrer Eltern. Was sollte der Unsinn, dass sie sterben würde? Es gab so viel Neues zu entdecken, und der Bus fuhr bald ab.
Der Bus, okay, das war ein dicker Minuspunkt für Zypern. Erdbeben gab es hier vermutlich häufiger als Abfahrtszeiten für öffentliche Verkehrsmittel. Es war supernervig, am Ende der Welt zu leben, einen Führerschein zu haben und ihn nicht nutzen zu dürfen, weil Tay angeblich zu jung dafür wäre. Aber so waren die Regeln in Europa nun mal.
Sie griff nach der silbernen Kette mit der versteinerten Muschel, legte sie um den Hals und ging am zugemauerten Kamin vorbei Richtung Balkontür.
»Rena!«, drang die helle Jungenstimme von Eric die Treppe hoch. »Kann ich dein Ei haben?«
»Nenn mich nicht Rena! Ich heiße Tay!«
Tay schnappte sich ihren schwarzen Rucksack, der neben Pearl auf dem Schwingstuhl lag. Die weiße Katze hob träge den Kopf, ließ ihn wieder sinken. Die schrägen, bernsteinfarbenen Augen blinzelten Tay verschlafen an. Für Pearl war es mitten in der Nacht. Sie würde einen gemütlichen Vormittag auf ihrem Lieblingsplatz verbringen. Die Glückliche.
»Träum von fetten Mäusen«, murmelte Tay. Sie strich Pearl über das flauschige Fell. Dann ging sie mit dem Rucksack hinunter in den Wohnraum mit der offenen Küche, um ihr Ei zu verteidigen. Doch sie kam zu spät.
Eric hatte das Ei bereits geschält. Als er sie sah, steckte er es sich hastig in einem Stück in den Mund. Er wurde rot beim Kauen, wie jemand, der drohte zu ersticken, doch er schaffte es, gleichzeitig zu schlucken und triumphierend zu grinsen.
»Du kleines Fressmonster!«
»Ich hab gefragt!«
Tante Eve legte Tay eine Plastikbox auf die steinerne Küchenablage. »Du musst sowieso los. Komm nach dem Unterricht zur Tauchschule, ja?«
»Muss ich wohl, wenn ich kein Auto klauen soll.«
Tay verstaute die Box im Rucksack. Morgens hatte sie selten Hunger. Früher hatte sie deshalb Kämpfe ausfechten müssen, doch inzwischen hatte Eve aufgegeben, ihr zu predigen, das Frühstück sei die wichtigste Mahlzeit des Tages.
Ihre Tante umschloss mit einer Hand Tays Schulter. »Du schaffst das spielend.«
Eve war eine zierliche Frau, die in so vielem das verkörperte, was Tay fehlte. Das Haar ihrer Tante war blond und fein, die Augen hell wie Aquamarine und ihre Bewegungen grazil, nahezu tänzerisch. Dabei schien Eve immer in Bewegung zu sein und keine Pausen zu kennen. Sie hatte Ähnlichkeit mit Eric.
Gegen die beiden kam Tay sich ungelenk und robust vor wie ein Lastenrad zwischen Rennrädern. Sie überragte Eve um einen halben Kopf und würde vielleicht noch weiter wachsen. Ihre schwarzen Locken waren dick, die Augen dunkel wie Obsidian und der Mund nahm verschwenderisch viel Platz ein.
Beim Hinausgehen erlag Tay der Versuchung, einen Blick in den hohen, gerahmten Flurspiegel zu werfen. In seinen Holzverzierungen reckten sich fingergroße Meerjungfrauen und Seesterne. Es war ungewohnt, eine dunkelrote Jacke zu tragen. Eigentlich war Blau ihre Lieblingsfarbe. Aber in dem Fall hatte sie keine Wahl. Die neue Schule gab die Kleidung vor.
»Siehst gut aus!«, rief Eric ihr mit vollem Mund nach. »Zum Anbeißen. Die Uniform steht dir. Bestimmt brichst du heute jemandem das Herz!«
»Spinner!«
Woher wusste er überhaupt, dass sie in den Spiegel schaute? Vom Esstisch im Wohnraum aus konnte er sie nicht sehen, weil ihm die Garderobe mit den Jacken im Weg war. Er kannte ihre Gewohnheiten ziemlich gut.
Tay trat hinaus ins fahle Morgenlicht und ging den schrägen Stellplatz zur Straße hoch. Harrys grauer Pickup war schon weg. Eves Mann war bereits zur Tauchschule gefahren. Eve würde Eric noch zur Schule am anderen Ende der Kleinstadt bringen, weil es sein erster Tag war, und Harry dann folgen. Ihr alter Polestar parkte oben am Straßenrand. Ein grün-rostiger Fleck in einer beigefarbenen, steinigen Umgebung, die Tay an verbleichte Knochen denken ließ. Die feuchte, salzige Luft nagte brutal an jedem Material, besonders an Metall. Sie schien der Welt die Farben aussaugen zu wollen.
Das Haus ihrer Großmutter war eines von dreien in der schmalen Sackgasse und das einzige, in dem jemand wohnte. Die Häuser rechts und links standen leer. Zwischen den verwilderten Ruinen wirkte die kleine Villa wie ein trotziges Prunkstück, das sich gegen seine gespenstische Umgebung behauptete. Der einzige Lichtblick war das ferne Meer, das viele Kilometer entfernt zwischen den Häusern hervorblitzte.
Obwohl es September war, zeichnete sich ein heißer Tag ab. Die aufsteigende Sonne ließ die Schatten auf der verlassenen Straße schrumpfen. Es war stiller, als es auf Maui je gewesen war. An diesem Kleinstadtrand kam Tay sich vor wie der letzte lebende Mensch. Es hätte sie kaum überrascht, auf eine Horde gehirnhungriger Zombies zu stoßen.
Sie passierte den grünen Müllcontainer an der Ecke und näherte sich dem Eingang zum alten Friedhof. Ein beigefarbener Steinbogen spannte sich über das schwarze, eiserne Tor, das nur angelehnt war. Darunter hockten im Schutz der Trockenbaumauer drei Katzen, zwei schwarze und eine rote. Es waren Streuner. Ihr Fell war ungepflegt, die hellen Augen blickten wachsam. Eine der schwarzen Katzen hatte ein eingerissenes Ohr. Ihr rechtes Auge war milchig trüb.
Als Tay an den Tieren vorbeiging, streckten sie die Hälse und schauten ihr nach. Trotz der Wärme spürte Tay ein eisiges Prickeln, das wie ein Rinnsal aus gefrorenem Sand ihre Wirbelsäule hinab rieselte. Die Katzen bewegten die Köpfe in völligem Einklang. Die schrägen Augen waren unverwandt auf sie gerichtet. Die dünnen Schwanzspitzen zuckten.
»Habt ihr euch abgesprochen?« Tays Stimme klang krächzend. Sie ertappte sich dabei, dass sie schneller ging. Sie wollte von den drei Katzen fort. Dabei behielt sie die Tiere im Blick. Mit einem Mal duckten sie sich, fauchten und sprangen auseinander, als suchten sie ein Versteck. Staub und vertrocknete Blätter wirbelten auf und hüllten Tay in eine feine Wolke.
»Verstehe«, murmelte Tay. »Ihr mögt mein Deo nicht.« Unwillkürlich wanderte ihre Aufmerksamkeit höher, über das helle Friedhofstor mit den schiefen, verblichenen Steinkreuzen dahinter. Da war eine Bewegung am Himmel. Ein Adler sank tiefer, zog einen Kreis über die drei Häuser und kam direkt auf sie zu. Er war so nah, dass Tay jedes Detail erkannte, von den abstehenden Flugfedern bis zum hellen, gefächerten Schwanz. Der Raubvogel hielt den langen Hals vorgereckt, hatte die mächtigen Flügel weit gespreizt. Hellgelbe Fänge hoben sich bedrohlich vom braunen Gefieder ab. Der gebogene Schnabel wirkte scharf wie eine Klinge. Die Iris war nicht gelb, sondern hellrot.
Tay schluckte. Sie wollte in Deckung gehen, wie die Katzen, aber ihr Stolz verbot es ihr. Stattdessen hob sie den Kopf und starrte in den Himmel. Sie hatte das Gefühl, herausgefordert zu werden. Eric neckte sie manchmal auf diese Weise. Einmal hatte er sie auf einer Flusswandertour auf den Philippinen so weit gebracht, gemeinsam mit ihm von einem zehn Meter hohen Felsen ins Wasser zu springen. Tante Eve war ausgerastet.
Die Kette um Tays Hals schien wärmer zu werden. Das Silber kribbelte auf der Haut.
In dem Moment verengte sich Tays Blickfeld. Schwindel überkam sie und das Gefühl, dass die Erde sich unter ihr wegdrehte. Sie schwankte. Der Friedhofseingang und der Himmel darüber waren samt dem Adler ausgelöscht. In der schwarzglitzernden Dunkelheit blickte Tay durch einen steinernen Tunnel nach unten, auf sich selbst. Sie war der Seeadler, und sie spürte Hunger. Nein, da war mehr als Hunger. Sie hatte ein Opfer vor sich und sie musste …
Der Adler ging tiefer und streifte ihren Kopf. Die Berührung riss Tay aus der Trance. Die Bewegung war kontrolliert, als wüssten die scharfen Klauen, was sie taten.
Tay schrie auf und stürzte vor Schreck nach hinten. Sie fiel hart auf den Po. Dabei schützte sie ihr Gesicht, aber der Vogel gewann bereits an Höhe. Er schien sich nicht weiter für sie zu interessieren. In weiten Kreisen schraubte er sich dem Zenit entgegen.
»Verrückt«, murmelte Tay. Vielleicht hatte ihr Tagebuch recht. Der Umzug nach Tsara setzte ihr mehr zu, als sie dachte. Wie hatte sie nur glauben können, sich selbst aus der Sicht des Vogels zu erkennen?
Sie schloss die Augen. Der Boden unter ihr bebte. Da war ein tiefes, weit entferntes Grollen wie von einem gigantischen Ungeheuer, das im Innern der Insel wütete. Das Grollen reichte über ihre Handflächen, die Füße und den Po bis in ihren Körper.
»Ein Erdbeben«, murmelte Tay.
Der Boden beruhigte sich. Erdbeben waren auf Zypern keine Seltenheit, und dieses war offensichtlich schon wieder vorbei.
Verwirrt fragte Tay sich, ob sie träumte. Vielleicht war sie nach ihrem nächtlichen Ausflug mit dem Fremden im Meer gar nicht aufgewacht. Allerdings hatte ihr in noch keinem Traum das Steißbein derart gebrannt. Sie musste wach sein. Instinktiv suchte sie nach dem versteinerten Muschelanhänger an der Kette ihrer Großmutter. Als ihre Fingerspitzen das körperwarme Metall berührten, beruhigte sie sich.
Es war nicht mutig, sondern dumm gewesen, den Adler zu provozieren. Wahrscheinlich wäre gar nichts passiert, wenn sie es wie die Katzen gemacht hätte, und in Deckung gegangen wäre.
Vorsichtig tastete sie ihren Kopf ab. Die Krallen hatten sie nur gestreift und keine Wunde hinterlassen.
Tay sprang auf, strich sich vertrocknetes Laub und Staub vom Rock der Schuluniform und lief in Richtung Kirchplatz. Der Bus würde in der Stadtmitte halten, und sie wollte weg vom Friedhof.
Über ihr drehte der Adler ab und schwang sich mit zwei kräftigen Flügelschlägen Richtung Küste davon.